Netzwerk für Gleichberechtigung, Selbstbestimmung, Würde und Unversehrtheit

Network for Equality, Self-Determination, Dignity & Integrity


Elisabeth-Norgall-Preis für Ursula Biermann




JOURNAL FRANKFURT

DONNERSTAG, 13. MÄRZ 2014

Im Kampf gegen alte Traditionen


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Foto: Dorothee Kruft

Seit vielen Jahren kämpft Ursula Biermann für Bildung und gegen Zwangsheirat und Beschneidung junger Mädchen in Tansania. Für ihr Engagement bekam Biermann nun den Elisabeth-Norgall-Preis verliehen.


Die Beschneidung der Frauen ist in Afrika eine uralte Tradition, bei der die Mädchen häufig schlimme Infektionen bekommen oder sogar verbluten. Eine Tradition, über die der tansanische Botschafter Christopher Mvula bei der Verleihung des Norgall-Preises am Mittwoch sagte: "Das Problem ist, die Familien bekommen mehr Mitgift für ihre Töchter, wenn sie beschnitten sind." Mitgift bei Zwangshochzeiten, bei denen die Mädchen meist mit viel älteren Männern verheiratet werden.

Ursula Biermann gründete 2006 in Freiburg den Verein N.E.S.D.I.. Ihr Ziel bestand darin, die tansanischen Frauenorganisation NAGFEM (Network Against Female Genital Mutialtion) bei Aufklärungskampagnen gegen die weibliche Genitalverstümmelung zu unterstützen. Die Initialzündung hierfür gab Biermanns Tochter, die bei der Frauenorganisation NAFGEM in Praktikum machte und von den Zuständen dort so erschüttert war, dass sie ihre Mutter zur Hilfe rief, erzählte Sylvia Rog, Vize-Chefin des IWC und Vorsitzende des Norgall-Komitees.

Mit Theatergruppen und einem Film leistet Ursula Biermann seither Aufklärungsarbeit, gibt Beschneiderinnen die Möglichkeit, sich als anerkannte Geburtshelferinnen ausbilden zu lassen. Seit kurzem bietet die Organisation auch lokalen Ärzten Weiterbildungen an, um die Folgen weiblicher Beschneidungen rückgängig zu machen. Außerdem hat sich Biermann über NAGFEM dafür eingesetzt, ein Mädchenschutzhaus zu bauen, das nicht nur als geschützter Ort dient, wo Mädchen der Zwangsverheiratung mit älteren Männern entfliehen können, sondern auch als Schul- undBildungszentrum dient.

Für ihren Einsatz für Gleichberechtigung und Selbstbestimmung der Frauen und Mädchen in Tansania, wurde Biermann am 12. März in der Alten Oper nun mit dem mit 6000 Euro dotierten Elisabeth-Norgall-Preis des International Women's Club geehrt, den der Club jedes Jahr an Verfechterinnen der Frauenrechte verleiht.


Foto: von links: Botschaft Tansania, Sylvia Rog, Ursula Biermann, IWC-Präsidentin Yumiko Wiesheu, Stadträtin Erika Pfreundschuh, Musiker Kotey Niikoi




Laudatio für die Norgall-Preisträgerin 2014, Ursula Biermann


Sehr verehrte, liebe Frau Biermann, sehr geeehrte Gäste, liebe Clubmitglieder,

Ich möchte mit einem Zitat einer amerikanischen Anthropologin beginnen :

Es ist sehr wichtig, in Bewegung zu sein, ein Ziel zu haben, das zu tun, was wirklich von Bedeutung ist. Wenn du das Gefühl hast, dass etwas getan werden muss, dann musst du es tun.

Es ist vielleicht das, was Sie, liebe Frau Biermann, empfunden haben, als Sie 2004 von Ihrer Tochter Sybille eine Mail aus Tansania erhielten. Ihre Tochter absolvierte dort ein Praktikum bei der Frauenorganisation NAFGEM, die gegen die weibliche Beschneidung und Zwangsheirat kämpft. Sie schrieb Ihnen einen Hilferuf : Die Frauen und Mädchen hier brauchen dich! Da Tansania Ihnen bereits seit langem sehr ans Herz gewachsen war, wurde Ihnen in diesem Moment klar, dass Sie den Kampf für die Unversehrtheit und Selbstbestimmung der Frauen in Tansania aufnehmen müssen.

Als Journalistin hatte Ursula Biermann schon 1971 den ersten Kontakt mit dem afrikanischen Kontinent. Sie und ihr späterer Mann berichteten mehr als 3 Jahre lang als einziges Fernsehteam mit Sitz in Tansania über den Kampf um die Unabhängigkeit in Mozambique und Angola, damals noch portugiesische Kolonien. Ihre Reportagen und Berichte wurden in internationalen und deutsche nFernsehsendern ausgestrahlt, unter anderem im ARD-Weltspiegel, der Tagesschau, dem ZDF-Auslandsjournal. Besonders beeindruckt war Ursula Biermann von der tief empfundenen Lebensfreude und der Herzlichkeit der Menschen dort und sie wurde, wie sie mir versicherte, sofort vom Tansania-Virus infisziert.

Als ihre Tochter sie bat, zu kommen und zu helfen, wurde dieses Virus augenblicklich wieder aktiv. Sie entschloss sich sofort, die Frauenorganisation NAFGEM zu unterstützen. NAFGEM ist die Abkürzung von « Network Against Female Genital Mutilation » auf Deutsch « Netzwerk gegen weibliche Genitalverstümmelung ».

Das Netzwerk wurde im Jahre 1998 von einer kleinen Gruppe Frauenrechtlerinnen in Moshi im Norden Tansanias, am Fuße des Kilimanjaros gegründet. Man hatte das Ziel, jeglicher Art der traditionellen Gewalt und Missbrauch an Frauen und Mädchen ein Ende zu setzen.Im Februar 1999 wurde das Netzwerk offziell von der tansanischen Regierung als eine Nichtregierungs-Organisation registriert. Noch im selben Jahr begann NAFGEM gegen die beschämende Tradition der weiblichen Beschneidung vorzugehen.

Dieses Ritual war besonders bei den Massai-Stämmen noch sehr verbreitet, obwohl es seit 1998 gesetzlich verboten ist. Es stellt den Übergang ins Frau-Sein dar und macht die junge Frau heiratsfähig. Es kommt vor, dass Mädchen mit 9 oder 10 Jahren einen 60-jährigen Mann als 3. oder 4. Frau heiraten müssen. Warum werden nur beschnittene Mädchen zu heiratsfähigen Frauen? Es ist kaum zu glauben, aber die weibliche Beschneidung gleicht einer Garantie für Jungfräulichkeit und Würde. Es bedarf viel Überzeugungsarbeit und Engagement, damit die Menschen mit der Tradition der Verstümmelung brechen.

Dieser großen Aufgabe widmet sich seit Jahren unsere diesjährige Preisträgerin. Eine Frau, die Elisabet Norgalls Auffassung von Preiswürdigkeit in idealer Weise verkörpert, denn sie setzt sich unermüdlich, selbstlos und oft unter eigener finanzieller Beteiligung dafür ein, für die Rechte der jungen Frauen in Tansania zu kämpfen.

Im Jahre 2006 unternahm sie einen wichtigen Schritt und gründete den gemeinnützigen Verein N.E.S.D.I. e.V. in Freiburg (Network for Equality, Selfdetermination & Dignity), um der Partnerorganisation NAFGEM auch finanziell helfen zu können. Sie stellte jedoch fest, dass sie nicht sofort Spendengelder beantragen konnte, der Verein musste erst einige Jahre bestehen. Deshalb scheute sie nicht davor zurück, 2007 auch Vorstandsmitglied und Projektleiterin für Tansania bei dem Verein « Materra- Stiftung Frau und Gesundheit » in Freiburg zu werden. Über Materra konnte sie sofort beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit Gelder für ihr NAFGEM-Projekt beantragen. Auch die Mitgliedschaft bei dem Netzwerk Rafael erwies sich als sehr wichtig.

2007 entschloss sich Ursula Biermann einen deutschen Dokumentarfilm über die Arbeit von NAFGEM zu drehen, der auch in Kisuaheli übersetzt worden ist. Ab diesem Zeitpunkt wurden mittels dieses Films und Theatergruppen Aufklärungskampagnen in Schulen und Dörfern über die Folgen der weiblichen Beschneidung durchgeführt. Ein neuer Film wurde von ihr 2011, wiederum auf eigene Kosten in Kisuaheli und Kimaasai produziert. Auch dieser Aufklärungsfilm ist in in den Schulen und Dörfern in Tansania im Einsatz.

Außerdem setzt sich Ursula Biermann über NAFGEM dafür ein, Mädchen, die vor dem grausamen Ritual der Beschneidung und der Zwangsheirat fliehen, den Schulbesuch zu ermöglichen und ihren Aufenthalt in Internaten und weiterführenden Schulen zu finanzieren.

Als Beispiel möchte ich Juliana nennen. Mit 14 Jahren erfuhr sie von ihren Eltern, dass sie als zweite Frau einen über 60 Jahre alten Mann heiraten und die Schule verlassen sollte. Sie bat ihre Lehrerin um Hilfe. Die schickte sie zur nahe gelegenen Polizeistation in der Hoffnung, dass die Polizei bei den Eltern Julianas ihre Rechte durchsetzen würden. Doch weit gefehlt. Der Polizeichef stammte aus dem gleichen Dorf wie Juliana und brachte sie zu ihren Eltern zurück. Die Dorfbewohner beschimpften sie, die Eltern sperrten sie in eine Hütte ein, in der sie schließlich von ihrem zukünftigen Mann vergewaltigt wurde. Juliana hatte nur noch einen Gedanken im Kopf: die Flucht. Dank ihrer Schwester konnte sie fliehen. Sie rannte stundenlang, bis sie eine Straße erreichte. Dort stieg sie in einen Bus und flehte, mitfahren zu dürfen. In der Stadt Moshi, am Fuße des Kilimanjaro fand sie Zuflucht bei NAFGEM. Man nahm sie dort in Obhut, finanzierte und organisierte ihren Schulbesuch in einem Internat.

Ursula Biermann hat sich besonders dafür engagiert, ein Mädchenschutzhaus in der Projektregion Simanjiro zu bauen. Hier werden auch Mädchen aufgenommen, die geflohen sind und nicht allein in die Dörfer zurückkehren können.

Bei ihrer Reise im November 2013 nach Tansania wurde Ursula Biermann von Privatdozent Dr. O’Dey begleitet. Er ist Leitender Oberarzt und Verteter des Klinikdirektors der Klinik für Plastische Chirurgie am Universitätsklinikum Aachen. In Deutschland operiert er genitalverstümmelte Migrantinnen. Ursula Biermann hat ihn überzeugt, den Ärzten in Tansania zu zeigen, wie mit einer von ihm entwickelten Methode verstümmelte Genitalien operativ wieder hergestellt werden können.

Seit dem Beginn der Unterstützung von NAFGEM 2006 konnte sich die Frauenorganisation durch die Unterstützung von Frau Biermann stark entwickeln. 2004, als Frau Biermanns Tochter dort ein Praktikum absolvierte, war es noch ein kleiner Verein. Heute ist er in ganz Tansania bekannt und wird auch von der Regierung zu Beratung und Expertise zugezogen. Vor allem ist jetzt eine Veränderung in der Einstellung der Bevölkerung zu spüren. Dass die Aufklärungskampagnen bereits einen Wandel bei den Massai-Stämmen spürbar machen, ist ermutigend. Man weiß, dass die Massai eine durch und durch patriarchalische Gesellschaft sind, deshalb legt NAFGEM großen Wert darauf, die Elders, die traditionellen Führer der Massai, direkt anzusprechen. Denn ihr Wort gilt, was sie anordnen, wird von der Gemeinschaft befolgt. Und es gibt positive Tendenzen.

Peter Ole Mbuta zum Beispiel, ein Sprecher der Morani, der Massaikrieger aus dem Pare-Gebiet, in dem es schon seit mehreren Jahren regelmäßig Informationskampagnen auch in den Schulen gibt, hat Ursula Biermann versichert, dass er möchte, dass die Massai sich endlich von dieser Tradition distanzieren.

Jedes Jahr reist Ursula Biermann nach Tansania, früher drei- bis vier Mal, jetzt 1 Mal im Jahr, um die Projekte vor Ort zu betreuen. Sie hat das Los der Mädchen und jungen Frauen dort zu ihrem Lebensinhalt gemacht. Ihre Freundin, Frau Dr. Hosselmann, die sie auf ihren Reisen begleitet, berichtete mir, dass sie sich bis zur körperlichen Erschöpfung für die Verwirklichung der Frauenrechte in Tansania einsetzt. Trotz starker Rücken- und Knieprobleme führt sie die anstrengenden Reisen immer bester Laune durch, ohne zu klagen. Bei ihrem Einsatz bleibt sie bescheiden und trägt ihre Erfolge nicht vor sich her.

Frau Ursula Biermann hat sich durch ihre außerordentliche Arbeit sowie ihre Großzügigkeit und ihr Engagement für tansanische Frauen den Norgall-Preis 2014 mehr als verdient, und es freut uns sehr, Ihnen, liebe Frau Biermann, diesen Preis heute überreichen zu können. Wir gratulieren Ihnen ganz herzlich und bitten Sie, nach vorne zu kommen. Nehmen Sie mit der Norgall-Medaille unseren tiefen Respekt und unsere Bewunderung entgegen.

Sylvia Rog, 1. Vizepräsidentin des IWC Frankfurt




Dankesrede von Ursula Biermann


Sehr geehrte Frau Präsidentin, Frau Vize-Präsidentin, sehr geehrte Frau Stadträtin Pfreundschuh, Bwana Mvuta von der tansanischen Botschaft, liebe Clubmitglieder, liebe Familie, Freunde und Gäste.

Ich bin überwältigt über all diese lobenden Worte und die Anerkennung, die ich hier erfahre – sie kam für mich völlig überraschend. Nie hätte ich damit gerechnet, für meinen Einsatz so geehrt zu werden. Und so fühle ich mich auch – sehr geehrt. Und dafür danke ich Ihnen von Herzen.

Die Vizepräsidenten des IWC, Frau Rog hat ja schon berichtet, dass meine Tochter Sybille die eigentliche Initiatorin dieses Projektes war und mich auch bis heute tatkräftig unterstützt.

Als ich nach ihrem SOS-Ruf nach Tanzania kam und dort NAFGEM kennen lernte, das « Netzwerk gegen weibliche Genitalverstümmelung », war die Organisation noch sehr klein aber schon voller Power.

Diese Power kam von der damaligen Projektleiterin von NAFGEM, Bassilla Urasa. Sie nahm mich mit in die Maasai-Steppe nach Simanjiro. Dort lernte ich die Maasai erstmals kennen. Ein Hirtenvolk, das in Kenya und Nord-Tanzania lebt, inzwischen zurückgedrängt in steppige Gebiete mit wenig Wasser. Hier leben sie von und mit ihren Rindern und Ziegen, die sie auch ernähren. Ein sehr stolzes Volk, das seine eigenen Gesetze lebt, die von der Gruppe der Elders vorgegeben werden. Sie, die Maasai-Älteren oder Maasai-Weisen, wenn man sie so nennen will, sind diejenigen, die das Sagen haben. Ihr Wort gilt. Die Regierung und deren Gesetze sind weit.

Ich konnte damals, auf meiner Reise mit Frau Urasa einen Film über die Situation der weiblichen Genitalverstümmelung und die Projektarbeit von Nafgem drehen. Ich sprach mit Mädchen und Frauen, die dieses archaische Ritual erleiden mussten, hörte von ihren Schmerzen, den oft schweren gesundheitlichen Folgen, die durch die Beschneidung ihrer Genitalien mit solchen Instrumenten wie hier verursacht wurden. Sie erzählten von Todesfällen bei Nachbarskindern, Freundinnen, Schwestern.

Es waren für mich sehr berührende Wochen, in denen ich so viel Grauenvolles und Entsetzliches erlebt habe, in denen mir andererseits aber auch so viel Freundschaft und Vertrauen entgegengebracht wurde, sodass für mich klar war, dass es mit diesem Film allein nicht getan sein konnte.

Zurück in Deutschland überlegte ich, wie ich helfen könnte und gründete dann zusammen mit einigen Freundinnen und Freunden den Verein NESDI e.V. ein „Netzwerk für Gleichberechtigung, Selbstbestimmung, Würde und Unversehrtheit“.

Wir merkten sehr schnell, dass wir effektiver sind wenn wir uns mit anderen Vereinen zusammentun und so konnte mit Hilfe der Stiftung Materra und Netzwerk Rafael das Nafgem-Unterstützungs-Projekt mit jedem Jahr erfolgreicher werden.

Wir konnten die Arbeit von NAFGEM finanzieren, die mit Theatergruppen, Aufklärungskampagnen in Dörfern und Schulen durchführten, Kindercamps in den Ferien und an Wochenenden einrichteten, Mädchendemos in Dörfern und Städten organisierten mit der Forderung: Schluss mit der Genitalverstümmelung und Kinderheirat – stattdessen Bildung für alle.

Bassilla Urasa, die das NAFGEM-Projekt so erfolgreich initiierte und leitete ist inzwischen im Ruhestand. Ihr Nachfolger, der Arzt Francis Selasini hat es vor einigen Jahren übernommen und mit viel Elan und neuen Ideen weiter geführt. Seine Erfahrungen hat er jahrelang in UNO-Flüchtlingslagern im Sudan gewonnen. Das kommt der Organisation sehr zugute.

Die Kampagnen betreibt er mit großem Engagement. Ich habe sie in Schulen selbst miterlebt und war unglaublich beeindruckt über das Selbstbewusstsein und die Heftigkeit mit der Mädchen und Jungen dabei argumentierten.

So wie hier in der Secondary-School in Terrat in Simanjiro, mitten in der Maasaisteppe. Unter schattigen Bäumen sitzen sich etwa 200 Schülerinnen und Schüler gegenüber und diskutieren heftig. Es geht natürlich um das Pro und Contra der Genitalverstümmelung bei Mädchen.

Die eine Gruppe pocht auf die Tradition, die fortgeführt werden müsse weil die Beschneidung schließlich den Übergang von der Kindheit ins Erwachsenalter symbolisiere, die anderen nennen die gesundheitlichen Folgen dieser Praktik, sie sprechen von der Unversehrtheit die den Mädchen damit genommen wird, vom Recht auf den eigenen Körper.

Zwischendurch gibt es immer wieder Abstimmungen darüber, wer pro und contra diese Praktik stimmt und mit jedem Argument wird die Zahl der Befürworter geringer.

Hier ist der Tenor der Diskussion: wie bringen wir das unseren Eltern und unserer Gemeinschaft bei, dass wir Jugendlichen das nicht mehr wollen. In der Maasai-Gesellschaft bestimmen die Elders – die Jugendlichen haben zu gehorchen.

Viele dieser Mädchen, die ihre Eltern nicht überzeugen können, laufen kurz vor der Beschneidung weg und suchen Zuflucht bei NAFGEM.

Ich war vor einigen Jahren dabei als Nafgem die Nachricht erhielt, dass in einem kleinen Boma zwei Mädchen, Naomi und Mary mit 7 und 8 Jahren an ältere Männer verheiratet und vorher beschnitten werden sollten. Nafgem hat sofort Kontakt mit einem angesehenen Maasai-Elder aufgenommen, der die Beschneidung bekämpft. Wegen ihm wurden wir empfangen. Er wollte die Eltern dazu bewegen, die Hochzeit und Beschneidung abzusagen, weil das nicht mehr zeitgemäß sei und die Mädchen in der Hochzeitnacht wahrscheinlich sogar verbluten würden. Die unwirsche Antwort von Mary’s Vater war, dass der Brautpreis, 10 Kühe pro Mädchen schon unterwegs sei. Die Eltern blieben uneinsichtig, obwohl ihnen der Elder sehr zusetzte, bis Mary’s Vater schließlich knurrte: „tuna njaa sana“ - wir leiden großen Hunger.

Einige Tage später, in der Nacht vor der Beschneidung flüchteten die beiden Mädchen – Mary und Naomi. Sie waren 3 Tage in der Wildnis unterwegs, ohne Essen, sie tranken aus Wasserpfützen bis sie zu einer befahrenen Piste kamen. Dort hielten sie einen Lastwagen an und erzählten, dass sie ihren Bus während der Pause verpasst hätten. So kamen sie nach Moshi zu Nafgem. Nafgem nahm sie in Obhut, schickte sie ins Internat und fragte mich, ob NESDI das finanzieren könne. Damit hat NESDI ein weitere Aufgabe bekommen – Schulfinanzierungen von Mädchen, die vor der Beschneidung weglaufen. Es wurden im Laufe der Jahre immer mehr Mädchen und an dieser Stelle möchte ich mich bei deren Patinnen und Paten bedanken, die das ermöglichen.

Drei dieser Patinnen sind heute hier anwesend, stellvertretend für die anderen - Julia Kalenberg, Doris Schindler, Ingrid Post. Ihnen beiden ein herzliches Dankeschön.

Um diese Mädchen unterbringen zu können haben wir ein Schutzhaus gebaut, indem sie Zuflucht finden, bis ein Sponsor für ein Internat gefunden wurde.

Mit Hilfe von Dr. Irma Hosselmann aus Köln, die bei ihrer Familie, ihrem großen Freundeskreis und beim ZONTA-Club Köln Geld sammelte und auch Konzerte organisierte, deren Erlös in den Bau diese Hauses floss, wurde ein Teil des Schutzhauses finanziert. Die andere Hälfte kam von Netzwerk Rafael und NESDI. In den Osterferien werden die ersten Mädchen einziehen.

Inzwischen ist sichtbar geworden, dass die Aufklärungskampagnen in Simanjiro einen Wandel bewirkten. Ein Teil der Bevölkerung, bei denen NAFGEM schon mehrere Jahre agitiert, wendet sich von dieser Praktik ab und schickt die Mädchen stattdessen zur Schule. Dort wo NAFGEM noch nicht so lange aufklärt, dominiert noch die Beschneidung. Das führt zu einer wirklich paradoxen Situation. Es gibt viele junge Männer, die sagen, dass sie keine beschnittene Frau mehr heiraten wollen.

Die jungen Männer aus dem anderen Gebiet dagegen sagen, nur eine beschnittene Frau sei rein und könne deswegen geheiratet werden. Die Mädchen sitzen zwischen den Stühlen. Das zeigt sich auch in den Schulen. Beschnittene und unbeschnittene Mädchen spielen in separaten Gruppen. Die einen werden von den anderen gemieden. Darf man das als Erfolg werten? – Oder als Kollateralschaden? Sicher ist das ein vorübergehender Zustand aber für die Mädchen und Jungen, die in diesen Jahren erwachsen werden, ein großes Problem.

Wann immer ich in der Maasai-Steppe auftauche, warten die Elders schon auf mich – jedes Jahr. Sie nehmen mich in die Mangel und fordern, dass wir mehr Einfluss darauf nehmen sollen, mehr Schulen zu bauen, dass das Schulgeld für die Secondary-Schools abgeschafft, dass die Mädchen mehr vom Staat unterstützt werden sollen. Diese Forderungen an den Staat hat sich auch NAFGEM auf die Fahnen geschrieben. Dabei hat die Regierung die Genitalverstümmelung 1998 per Gesetz verboten. Sie sperrt Eltern und Beschneiderinnen ein wenn sie erwischt werden. Die Aufklärungsarbeit aber leisten Organisationen wie NAFGEM. Sie sind es, die den Bau von Schulen und Chancengleichheit einfordern.

Die ehemaligen Beschneiderinnen, die aufgrund der NAFGEM-Kampagnen vor ihren Elders feierlich geschworen haben, nie wieder Mädchen zu beschneiden, haben sich inzwischen umschulen lassen zu Geburtshelferinnen und fahren auch stundenlang mit dem Fahrrad zu ihren Schutzbefohlenen. Nicht gerade ungefährlich in der Wildnis. Mit ihrer Zusatzausbildung können sie Probleme bei Schwangerschaften jetzt schneller und besser erkennen und die werdenden Mütter rechtzeitig zum Arzt zu schicken.

Als Beschneiderinnen waren sie sehr angesehen und haben viel Geld verdient. Dieser Verdienst fehlt jetzt. NAFGEM hilft ihnen, auch andere Einkommen schaffende Tätigkeiten zu erlernen wie Schmuckherstellung, Schneidern, Hühnerzucht. usw. So haben zum Beispiel ehemalige Beschneiderinnen, die in der Nähe der neuen Autobahn Tanga-Mombasa an der Ostküste Tanzanias leben von uns Geld bekommen um sich Land an dieser Autobahn zu kaufen.

Sie haben dort ein Restaurant für Fernfahrer und Autofahrer eröffnet. Es heißt Hühnersuppe und genau das ist auch das Hauptgericht und der Renner. Das ganze Dorf war plötzlich in Arbeit und hat voller Begeisterung mitgeholfen: Männer, Frauen Kinder. Sie haben die Wildnis dort gerodet, die Steine für das Restaurant selbst geformt, gepresst und gebrannt, sie gemeinsam das Haus gebaut, andere haben Hühner gezüchtet, Gemüse angebaut, andere gekocht, geputzt, serviert. Das ganze Dorf hat dadurch großes Selbstbewusstsein erlangt und erlebt, dass sie als Gemeinschaft von Männern und Frauen erfolgreich sind und sie sind sehr stolz darauf. Mit Recht. Beschneidung ist dort kein Thema mehr.

Sie schicken ihre Kinder auf die Schule. Jungen und Mädchen. Bessere Bekämpfungsmethoden der Beschneidung gibt es meiner Ansicht nach nicht. Uns zeigt es, dass wir auf dem richtigen Weg sind mit der Unterstützung unserer Parteiorganisation NAFGEM und ich möchte hier daran erinnern, dass es die Nafgem-Mitarbeiter sind, die das ganze Jahr über unterwegs sind im unwegsamen Gebiet. Sie kämpfen sich durch die Staubwolken der Savanne . Während der Regenzeit müssen sie über schlammige, oft unbefahrbare Pisten. Alles in ihrem unermüdlichen Kampf um eine Ende dieser archaischen Praktiken. Ihnen gehört unsere Anerkennung.